Die „Aussen“­architektur.

Vortrag von Orhan Esen, Istanbul

Vom Republikanischen Revanchismus an Osmanischer Moderne zum Postrepublikanischen Spaciocide

 

“Ist das Barock, oder kann das weg?” Der Titel einer Ausstellung in Berlin im November 2016 in Bezug auf die jüngere Stadtentwicklung Potsdams brachte es auf den Punkt: Selektiv-historisierende Eingriffe verleihen der Wiedervereinigung nach dem kalten Krieg ihren städtebaulichen Ausdruck in Berlin und Potsdam. Es kulminiert im symbolischen Akt, den Palast der Republik, eine Ikone der DDR-Moderne abzureissen und durch den Schlossneubau zu ersetzen. “Hinter den barocken Fassaden des Berliner Schlosses verbirgt sich das Humboldt-Forum, …” so die Webseite der Initiatoren und Förderer.

Skopje wurde nach dem vernichtenden Erdbeben von 1963 Ziel einer internationalen Solidaritätskampagne mit Jugoslawien und erhielt auf der Grundlage des modernistischen Plans von Kenzo Tange ein neues Gesicht. Im Zuge der post-jugoslawischen Neuerfindung eines jungen Nationalstaates Mazedonien wurde die junge Hauptstadt mittels historisierender Umbauten, dem sog Plan Skopje 2014, in “die europäische Hauptstadt des Kitch” umwandelt, laut the Guardian. In Architekturkritiken ist die Rede von „pseudo-barocker Frankenstein-Architektur“.

Analog verläuft die Suche nach einer gebauten Identität für eine ‚Neue Türkei‘. Es wird eine komplette Neugestaltung des zentralen Taksimplatzes in Istanbul, der symbolischen Hauptstadt der Türkei angestrebt. Die Oper am Taksim, eine bauliche Ikone der Nachkriegsmoderne, (Tabanlioglu, 1951-1977) würde einem Neubau ausweichen, das laut Erdogan “mit barocker Architektur in Einklang stehen” soll. Den Auftakt dazu sollte der umstrittene Wiederaufbau der 1940 abgerissenen Artilleriekaserne (spätes 18. Jhdt) auf dem Gelände des angrenzenden Geziparks bilden. Bislang sind die Vorhaben angesichts des massiven Gezi-Widerstandes im Juni 2013 gescheitert, jedoch betont der Staatsoberhaupt bei jeder Gelegeneheit, das er nicht nachgeben und sich durchsetzen würde. Die Verfassung der Neuen Türkei soll am Taksim buchstäblich gebaut werden.

Art und Konstellation der jeweiligen Akteure, ihre Methodik zur Umsetzung sowie die Standards der Planungen und der Baulichkeiten mögen sich teilweise unterscheiden. Doch ist der gemeinsame Kontext unverkennbar: Mit dem Ende des kalten Krieges erlitt die alte Staatenwelt auf beiden Seiten einen Umbruch; die sog. Wende, die noch andauert. Staaten zerfielen, manche entstanden neu, manche wurden Subjekt einer Re-konstellation und manche sind noch im Begriff sich schmerzhaft umzudefinieren. Kein Staat blieb in der Form bestehen, wie noch zur Zeit des Kalten Krieges, selbst wenn die Grenzen formal erhalten blieben. Mit fortschreitender Konsolidierung der neuen Staatlichkeiten, geht es auch um die Repräsentation der neuen Selbstverständnisse.

Die Post-republik Türkei schlüpft zusehends in die Fusstapfen der Konventionellen. Es wird erneut auf das exkludierende Bürgermodell zurückgegriffen, nun soll das säkular-nationale Zwangshemd durch einen religiös-nationalen ersetzt werden. Die bauliche Manifestation des Wandels hat freilich am Taksimplatz stattzufinden: da wo die Grundlage der Urrepublik sich baulich-symbolisch manifestiert. Für die Zukunft hat das sich anbahnende Regime wenig anzubieten, Flucht in eine konstruierte Vergangenheit ist der Ausweg. Der erdogansche Eklektizismus am Taksim bedient sich Vorbilder des Eklektizismus des 19 Jhdt. Eine verständliche Wahl einerseits, und doch offenkundige Fehlinterpretation. Folglich bildet das Vorhaben keine Ausnahme in weder nationalem noch transnationalem Kontext.