30. Juli bis 22. August 2017

LERCHENFELD I

Mit Elisa Barrera, Florian Bräunlich, Florian Deeg, Leonie Kellein, Anne Linke, Nele Möller und Frieda Toranzo Jaeger.

Florian Deeg, o.T., Video/Animation, 4 Minuten, 2017
Florian Deeg, o.T., Video/Animation, 4 Minuten, 2017

Der Kunstverein Schwerin zeigt in seiner Sommerausstellung LERCHENFELD I aktuelle Arbeiten junger Künstlerinnen und Künstler der HfbK Hamburg aus den Klassen Thomas Demand, Jeanne Faust und Jutta Koether. Präsentiert werden sieben indiviudelle Positionen, die sich aus der Kombination der klassischen Bereiche Malerei, Bildhauerei, Installation und Performance mit den Neuen Medien und digitalen Verfahren ergeben.

Digitale Kulturtechniken stellen, insbesondere für die nach 1980 geborenen, sogenannten „digitalen Eingeborenen“, selbstverständliche Mittel der Informationsbeschaffung und Kommunikation dar. Ebenso ist auch für die Künstler dieser Generation die Parallelität digitaler und alltäglicher Lebenswelt keine Besonderheit mehr. Kommunikationsformen des Internets durchdringen nicht nur die individuelle Wahrnehmung und Gedankenwelt, sondern fließen ebenso in künstlerische Konzepte und Arbeitsweisen ein.

 

So basiert die Performance the sky is the limit von NELE MÖLLER auf vorgefundenen Filmausschnitten wissenschaftlicher Vorträge, die sie aus dem Internet in den realen Raum (zurück)transferiert. Gedoppelt wird dieser Effekt durch die simultane, bildhaft inszenierte Nachahmung der im Hintergrund projizierten und aus YouTube-Schnipseln zusammengestellten Experimente.

FLORIAN DEEG spielt mit den Möglichkeiten und Übergängen analoger und digitaler Modelle. Eine vermeintlich dokumentarische Atelieransicht wird mittels digitaler Retusche bis zur fast vollständigen Auflösung des Künstlers in ihrem Wahrheitsgehalt manipuliert. Die Arbeit „Pfuetze“  analysiert den akustischen und visuellen Eindruck des Regenprasselns mittels Computer und generiert anhand dessen künstliche, digitale Muster.

Mit der generativen Entstehung und gleichsam Speicherung konkreter Töne beschäftigt sich die Arbeit von FLORIAN BRÄUNLICH. Tonlose Schallplatten wurden unverpackt auf dem Postweg versandt. Die dabei entstandenen Kratzer und Spuren konservieren, im übertragenen Sinn, die zurückgelegte Strecke und machen sie im Ausstellungsraum hörbar.

Neben diesen, innerhalb der Kunstgeschichte nachwievor als „neu“ bezeichneten elektronischen Medien und digitalen Verfahren, verorten sich auch etablierte Kunstgattungen wie die Malerei thematisch im Jetzt. Während sich einerseits aktuelle Malereitendenzen selbstreferentiell darauf befragen, was Malerei im Digitalen Zeitalter noch sein kann, und malende Maschinen den künstlerischen Prozess von der Idee trennen und zur Debatte stellen, werden andererseits Gegenstände und Codes des technischen Fortschrittes gleichsam Motiv und kritisch hinterfragtes Thema der Malerei.

In ihrer Serie von Auto-Interieurs projiziert FRIEDA TORANZO JAEGER die Zukunftsperspektive der Autonomie des Menschen – innerhalb des Entwicklungsprozesses hin zu voll automatisierten Systemen – auf die realistische Vision selbstfahrender Automobile. In diesem Vorstellungsraum stetiger Technisierung ist auch die zwischenmenschliche Interaktion auf die Oberfläche des Touchscreens reduziert.

Elemente der Populär- und Konsumwelt überträgt auch ELISA BARRERA in den Ausstellungsraum. Einrichtungsgegenstände, welche unsere Lebensbereiche eigentlich komfortabler gestalten sollen, werden zu Objekten mit einer abweisenden metallenen Oberfläche. Einem bedrohlich mit metallenen Dornen versehenen Kleiderständer stellt sie in ihren Zeichnungen etwas Verletzliches gegenüber: die Fragilität scheinbar sicherer menschlicher Verbindungen, Emotionen und abstrakter Konstrukte.

Die Komplexität zwischenmenschlicher Interaktion entwickelt LEONIE KELLEIN aus ihren Figuren, die ihren Ausgangspunkt in konkreten Räumen haben – in die sie zunächst, wie in ein Standbild im Kopf, gedanklich platziert werden. In „Die Frau am Fenster“ entsteht auf diese Weise eine filmische Erzählung im Spannungsfeld zwischen Anonymität, voyeuristischem Blick und offensiver Selbstinszenierung.

Die paradoxe Beziehung des urbanen Menschen gegenüber Natur und Tierwelt ist Thema der Objekte und Installationen von ANNE LINKE. Ausgehend von Beobachtungen des menschlichen Umgangs mit Vögeln im Stadtraum hat sie mit „How to“ Objekte entwickelt, welche auf die Gegensätzlichkeit vom Füttern und Verscheuchen verweisen.

Die Schau LERCHENFELD I zeigt beispielhaft und ungezwungen, dass sich klassische Gattungen, analog und digital in der aktuellen Kunst nicht einfach nur gegenüber stehen – sie spielen sich in der crossmedialen Durchdringung oder im transmedialen Wechsel auf überraschende Weise die Bälle zu.

Veranstaltungen

Eröffnung am Samstag, den 29. Juli 2017, 19 Uhr

mit der Performance the sky is the limit von Nele Möller

Leonie Kellein, Die Frau im Fenster,
Video, 16mm, schwarz-weiß, 03:34 Minuten,
2015
Leonie Kellein, Die Frau im Fenster, Video, 16mm, schwarz-weiß, 03:34 Minuten, 2015
Florian Bräunlich, Ohne Titel (o.T.),
transparentes Vinyl, Folie, Briefmarken,
Schallplattenspieler, 2015/2016 (Foto: Maik Graef)
Florian Bräunlich, Ohne Titel (o.T.), transparentes Vinyl, Folie, Briefmarken, Schallplattenspieler, 2015/2016 (Foto: Maik Graef)
Anne Linke, How to (Haus und Scheuche),
Bindfaden, Plastikflaschen, Rundstab, 2016
(Detail)
Anne Linke, How to (Haus und Scheuche), Bindfaden, Plastikflaschen, Rundstab, 2016 (Detail)