Distinktion – Modelle des Strafvollzugs

Katrin Michel

HM Prison Brinsford (Detail), Glas, Papier, Gips, 60 x 60cm, 2016

Katrin Michel zeigt Modelle und Materialien als Ergebnis ihrer Recherche zu gegenwärtigen Tendenzen des Strafvollzugs. Begleitend zeigen wir einen Ausschnitt aus Thomas Heises Film Material. Titelgebend für die Ausstellung ist der gleichnamige Text des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, ins Deutsche übersetzt: „Die feinen Unterschiede“.

Während Bourdieu die französische Bourgeosie analysiert, widmet sich die Künstlerin Katrin Michel einer Betrachtung, die das Ende des  wohlfahrtsstaatlichen Prinzips am Beispiel des Strafvollzugs zum Gegenstand nimmt. Gezeigt werden ca. ein dutzend plastischer Modelle unterschiedlicher Gefängnisarchitekturen.

Der Schwerpunkt liegt dabei auf Anstalten, die in ihrer jeweiligen Erscheinungsform und ihrer Einbettung in die Umgebung unterschiedliche Auffassungen des Strafvollzugs widerspiegeln. Es werden Einrichtungen aus den USA, UK, Norwegen und Deutschland untersucht. Während in den USA und UK bereits in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Abkehr vom Resozialisierungsgedanken mit umfassender Privatisierung erfolgte, hat sich diese Entwicklung heute längst auch in anderen Ländern vollzogen. Die erste Teilprivatisierung erfolgte in Deutschland 2004. In den skandinavischen Ländern wurde zunächst eine andere Richtung eingeschlagen, die einen grösstmöglichen Kontrast dazu bildet.

Fengsel Bergen-Osteroy, Offset, 29,7x42cm, 2016

Fengsel Bergen-Osteroy

Die Gefängnisinsel Osteroy in der Nähe von Bergen/ Nordnorwegen, ist nicht nur landschaftlich sehr beeindruckend: eine von schneebedeckten Berggipfeln umgebene Insel in glasklarem stillen Wasser der Fjorde, die biblische Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt mit ihren Schafen, Feuerholzvorräten, kleinen Holzhäusern und Werkstätten. Auf Fengsel Bergen-Osteroy befindet sich ein Low-Security Gefängnis, in dem derzeit ca. vierzig Insass_innen ihre Haftstrafe absolvieren, darunter 9 Frauen. Sie werden nicht in besonderer Weise getrennt. Der gemeinsam zubereitete Lunch wird auch gemeinschaftlich eingenommen.
Die angestellten Officers verzichten auf das Tragen von Uniformen oder sonstigen Dienstabzeichen, so dass es mir als Aussenstehender nicht möglich war, Personen auf der Insel in Häftlinge und Gefängnispersonal zu unterscheiden. Die Einrichtung ist beispielhaft und erfolgreich. Gegründet in der Nachfolge einer Schule für schwererziehbare Kinder existiert das Gefängnis seit den 1970er Jahren. Die Gefangenen erhalten eine Schulbildung, die von unabhängigen Lehrer_innen angeboten wird, die auch ausserhalb des Gefängniskontextes arbeiten. Abschlüsse aller Niveaus können nachgeholt werden.

Übersicht der Modelle

 

Distinction – Models of Justice

Katrin Michel presents models and materials as the results of her research on contemporary tendencies within the penal system. Additionally, an excerpt of Thomas Heise’s film Material will be shown. The exhibition’s title is inspired by the eponymous text of French sociologist Pierre Bourdieu: Distinctions.

Whereas Bourdieu analyzes the French Bourgeoisie, artist Katrin Michel chooses a perspective which focuses on the end of the principle of the welfare state as seen in its models of justice and penal systems. About a dozen of three-dimensional models of various prison architectures are on display.

Emphasis lies on facilities which represent differing conceptions of the penal system according to their respective form of appearance and contextualization within their surroundings. Facilities in the USA, UK, Norway, Denmark and Germany are being examined. Whereas the USA as well as the UK had already extensively privatized prisons and thus abandoned the concept of resocialization as early as during the 80ies, this development can be observed in many other countries today. A first, partial privatization was conducted in Germany in 2004. Scandinavian countries might have taken a different direction, which stands in sharp contrast to the rest.

Fengsel Bergen-Osteroy
(see image above, photo Katrin Michel, 2016)

The island Osterøy near Bergen/West Norway does not only impress with its stunning landscape – surrounded by snowy mountaintops in the clear and quiet waters of the fjords, radiating biblical peace and tranquility with its scattered sheep, stacks of firewood, little wooden houses and workshops. Situated on the island is a low-security- prison with around 40 inmates, among them 9 women. They are not separated in any significant way. Collectively prepared lunch is also communally consumed. The prison officers refrain from wearing uniforms or other formal insignia, which made it impossible for me as an outsider to differentiate between inmates and personnel on the island. The institution is exemplary and successful. Succeeding a school for difficult children, it has existed as a prison since the 1970ies. Inmates receive their education by independent teachers who also work outside the prison context. All kinds and levels of degrees may be caught up with here.